„Ich werde nie wissen, ob ich etwas verpasse. Aber mein Leben verpasse ich nicht …“ – Leonie

Leonie und Ole, Hamburg

Seit wann wisst ihr, dass ihr keine Kinder möchtet bzw ohne eigene Kinder leben wollt?
L
eonie: Dieses Bewusstsein ist tatsächlich erst in den letzten Monaten richtig gewachsen. Lange Zeit bin ich davon ausgegangen, irgendwann den „klassischen Weg“ zu gehen: Haus bauen, Familie gründen – einfach, weil man das eben so macht. Den Gedanken an Kinder habe ich jedoch immer wieder aufgeschoben. Mit 25 dachte ich, ich hätte noch Zeit bis 30. Nach der Trennung von meinem langjährigen Partner konnte ich das Thema erneut beiseiteschieben. Als ich dann meinen wunderbaren Mann kennengelernt und wir letztes Jahr geheiratet haben, wurde der äußere Druck plötzlich sehr groß. Mit der Hochzeit kamen viele Fragen von außen, und ich musste mich erstmals wirklich damit auseinandersetzen. Dabei habe ich angefangen, diesen klassischen Lebensweg zu hinterfragen – und gemerkt, dass er für mich nicht stimmig ist.

Olé: Mir wurde prozessartig bewusst, dass ich keinen expliziten Kinderwunsch
habe. In meinem 31. Lebensjahr wurde ich mir klar darüber, dass ich mir ein
Leben ohne eigene Kinder nicht nur vorstellen, sondern dies sogar meine
Präferenz für meine Zukunft ist.

Hattet ihr je einen Kinderwunsch?
Leonie: Nein.

Olé: Ich kann das Gefühl nicht als Wunsch bezeichnen. Ich habe stets in der Erwartung gelebt, eines Tages eine eigene Familie mit Nachwuchs zu gründen, dabei jedoch – nicht zuletzt auch angesichts meiner eigenen Lebenssituation und der meiner jeweiligen Partnerin – angenommen, dass eine mögliche Fortpflanzung noch in mittel- bis langfristiger Zukunft liegt, ich mir also jetzt noch keine konkreten Gedanken darüber machen muss. Ich nahm einfach an, dass das „irgendwann mal passieren“ würde. Als ich begann, mich konkret damit zu beschäftigen, was es bedeutet, ein eigenes Kind oder gar mehrere Kinder in die Welt zu setzen, stellte ich fest, dass ich mir dies nicht wünsche.

Mögt ihr Kinder generell?
Leonie: Ja, grundsätzlich schon. Allerdings habe ich leider wenig Kontakt zu Kindern.

Olé: Ja, ich arbeite als Lehrer und unterrichte Kinder im Alter von 10 bis 19 Jahren. Das mache ich gern.

Habt ihr im Alltag Kontakt zu Kindern? Wenn ja, welchen und wie empfindet ihr das?
Leonie: Leider nur sehr wenig. Meine Familie ist klein, und die Verwandten mit Kindern stehen mir emotional nicht besonders nahe. Zwei meiner besten Freundinnen haben keine Kinder, eine weitere ist gerade zum zweiten Mal schwanger, lebt aber in der Schweiz, weshalb wir uns nur selten sehen. Wenn ich Kindern begegne, empfinde ich das als schön – gleichzeitig fühle ich mich durch meine fehlende Erfahrung manchmal etwas unbeholfen. In solchen Momenten hinterfrage ich meine eigene Entscheidung kurz, merke aber schnell, dass diese Zweifel vor allem durch gesellschaftlichen Druck entstehen und nicht aus mir selbst heraus.

Olé: Ja (siehe oben). Außerdem haben zahlreiche meiner Freund Kinder, mit denen ich stets gern (zeitlich begrenzten) Kontakt habe.

Gibt es spezielle Gründe, warum ihr euch für ein Leben ohne eigene Kinder entschieden habt? 
Leonie: Ob sie speziell sind, kann ich gar nicht sagen. Für mich sind es mehrere Aspekte, die zusammenkommen:
 • Sport und Tanzen sind meine große Leidenschaft und auch ein Nebenberuf – hier möchte ich keine Einschränkungen.
 • Die Vorstellung einer Schwangerschaft empfinde ich nicht als schön.
 • In meinem Beruf arbeite ich viel mit Menschen, was sehr energieintensiv ist – diese Energie möchte ich mir bewahren.
 • Ich liebe es zu reisen.
 • Partnerschaft und Zweisamkeit haben für mich einen hohen Stellenwert.
 • Ich mag mein Leben so, wie es ist, und bin sehr dankbar dafür.
 • Auch finanzielle Aspekte spielen eine Rolle, etwa Einschränkungen oder eine geringere Rente später.

Olé: Im Laufe der letzten Monate und Jahre sind Gründe, die für eine Leben ohne
eigene Kinder sprechen, immer gewichtiger geworden, da ich die
Veränderungen, die eigene Kinder für Paare und auch für die Individuen eines
Paars mit sich bringen, in meinem nächsten Umfeld gesehen habe und sehe.
Ich erlebe Leben, die von den Kindern meiner Freund bestimmt werden,
Verantwortung für die Kinder, Stress und Sorge. Ich finde das nicht attraktiv.

Habt ihr euer Umfeld bewusst damit konfrontiert oder hat es sich mal im Gespräch ergeben?
Leonie: Mit meinen Freundinnen spreche ich sehr offen darüber – sie bestärken mich alle. In meiner direkten Familie gab es bislang wenig bis keine direkte Konfrontation. Ich weiß, dass sich einige wünschen würden, dass wir Kinder bekommen, aber das spricht niemand offen aus. Ich glaube, sie fragen nicht nach, weil sie die Antwort bereits kennen. Gleichzeitig merke ich, dass ich meine Gefühle dazu gern klarer kommunizieren würde, mir das aber noch schwer fällt.

Olé: Letzteres ist der Fall.

Wie waren die Reaktionen?
Leonie: Von meinen Freundinnen sind die Reaktionen durchweg sehr unterstützend. Insgesamt gibt es viele Menschen, die verständnisvoll reagieren. Es gibt aber auch sehr harte Reaktionen, geprägt von Unverständnis und Fassungslosigkeit – teilweise verbunden mit übergriffigen Fragen und Kommentaren. Ab Januar beginne ich deshalb ein Coaching, um besser lernen zu können, mich abzugrenzen. Manche Reaktionen gehen mir emotional sehr nahe.

Olé: Größtenteils treffe ich hier auf Unverständnis. Versuche, mich von den positiven Aspekten eigener Kinder zu überzeugen, erlebe ich auch gelegentlich. Von Seiten meiner Mutter spüre ich – wenn auch nicht explizit artikulierte – Enttäuschung darüber, dass sie von mir keine Enkel zu erwarten hat.

Welcher ist der meist genanntes Satz auf eure Entscheidung?
Leonie: 
• „Warte mal ab, das kommt noch.“ • „Probiert es doch einfach.“ • „Ihr wärt doch so tolle Eltern.“
Olé: „Oh, echt? Aber ihr wärt echt tolle Eltern!“

Wie fühlt ihr euch in einer Gesellschaft, in der Familie einen so hohen Stellenwert hat?
Leonie: 
Kurz gesagt: nicht gut. Ich fühle mich oft wie eine Außenseiterin und nicht wirklich akzeptiert – natürlich nicht immer, aber häufig. Es fühlt sich an, als würde ich nicht richtig dazugehören.

Olé: Gut. Ich habe eine Familie, wenn ich auch keine eigenen Kinder habe.

Was denkt ihr sind Gründe, weshalb viele Menschen, auf die Entscheidung, bewusst ohne Kinder zu leben, mit Unverständnis/ Erstaunen reagieren?
Leonie: 
Ich glaube, viele können sich nicht vorstellen, dass ein glückliches, erfülltes Leben auch ohne Kinder möglich ist. Vielleicht gibt es bei manchen auch einen kleinen Anteil, der selbst gern anders gelebt hätte. Wenn Kinder für jemanden das größte Glück bedeuten, fällt es womöglich schwer zu akzeptieren, dass das für andere nicht gilt. Dazu kommen Themen wie
Altersvorsorge oder das Vorurteil, kinderfreie Menschen seien egoistisch.

Olé: Ich führe das – ohne dies empirisch belegen zu können – auf das gesellschaftliche Modell der Kleinfamilie zurück, mit dem auch ich aufgewachsen bin und worin ich auch den Grund dafür sehe, dass ich jahrelang in meinen Zwanzigern schlicht davon ausging, „dass ich irgendwann mal Kinder haben würde.“

Denkt ihr die Gesellschaft behandelt Männer da anders als Frauen? Habt ihr da selber schon Erfahrungen gemacht?
Leonie: Definitiv. Mein Mann wird so gut wie nie nach Kindern gefragt – ich ständig. Männer gelten auch ohne Kinder als „vollständig“, Frauen nicht. Aussagen wie „Sie hat ihre biologische Bestimmung nicht erfüllt“, „Im Alter wird sie dann komisch“ oder „Der Körper muss gebären“ begegnen mir immer wieder. Solche Gedanken gibt es bei Männern kaum.

Olé: Meine Frau wird häufiger darauf angesprochen, dass es „nun ja mal Zeit“ sei, ein Kind zu bekommen. Ich werde seltener darauf angesprochen. Mir scheint, als erwarteten viele Menschen in unserem Umfeld von einer Frau in ihren Dreißigern, dass sie naturgemäß einen Kinderwunsch hat oder aber diesen zumindest bald entwickelt, wenn „der richtige Partner dann mal da ist.“ Diese Annahme spüre ich auch mir bzw. Männern im Allgemeinen gegenüber, aber ich habe wesentlich seltener solche Gespräche als meine Frau. Ein Mann ohne Kinder scheint von der Gesellschaft mehr akzeptiert zu werden als eine Frau.

Was ist für euch die größte Herausforderung am kinderfreien Leben?
Leonie: Das ständige Nachfragen. Oft beginnt es mit der Frage nach meinem Alter – und ich weiß sofort, was als Nächstes kommt. Wenn ich ehrlich antworte, folgen weitere Fragen, Meinungen und Bewertungen. Mein Mann kann sich davon besser abgrenzen. Mich nervt es inzwischen einfach nur noch.

Olé: Meine größte Herausforderung sehe ich aktuell in meiner Arbeit und meinen sportlichen Ambitionen.

Wie würdet ihr mit einer ungeplanten Schwangerschaft umgehen?
Leonie: Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, ich würde das Kind behalten.

Olé: Wir würden damit umgehen, nicht nur ich. Meine Frau und ich würden in Ruhe besprechen, wie wir verfahren wollen. Wir waren beide noch nie in einer solchen Situation und ich glaube nicht, dass ich die mit ihr verbundenen bzw. durch sie ausgelösten Emotionen wirklich antizipierbar sind. Meine Mutter hat mir gesagt, eine Kind verändere alles und nichts könne einen veritabel darauf vorbereiten, was eine Schwanger- und anschließende Elternschaft in einem auslöse. Deshalb weiß ich nicht, was genau wir machen würden.

Wenn ihr einem jungen Menschen, der sich über das Thema Gedanken macht etwas mitgeben könntest, was wäre das?
Leonie: Höre auf dich selbst und auf dein Gefühl. Lass andere denken und reden, was sie wollen. Du weißt, was du möchtest – und das ist entscheidend. Was andere wollen, ist letztlich unwichtig.

Olé: Ich würde ihn fragen, was er von seinem Leben bzw. was er in seinem Leben erreichen und erleben will und ihm dazu raten, seine Entscheidung für oder gegen Kinder unter primärer Beachtung dieser Wünsche zu treffen.

Wie gestaltet ihr euer Leben ohne vorgegebene Strukturen wie Kita/ Schule ect. Gibt es etwas, dass ihr nur durch ein kinderfreies Leben tun könnt?
Leonie: Ich kann Vollzeit arbeiten und meine Energie komplett in meinen Beruf stecken. Ich gehe dreimal pro Woche ins Gym und einmal pro Woche tanzen. Ich kann jede freie Minute mit meinem Mann genießen, spontan reisen und überall Urlaub machen, wann ich möchte. Ich schätze die Ruhe sehr und nehme mir bewusst Zeit für mich.

Olé: Wir können Zeit zu zweit verbringen, so viel und wann wir wollen bzw. so viel und wann es unsere anderen Verpflichtungen und Tätigkeiten zulassen. Diesen anderen Tätigkeiten können wir auch mehr Zeit und Aufmerksamkeit
widmen. Wir können Urlaube machen wann und wo wir wollen, wir können unsere Abende und Wochenende selbstbestimmt gestalten. Wir können nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen und den Tag gemeinsam Revue passieren lassen, ohne dabei Verantwortung für kleine Menschen zu haben, die selbst möglicherweise das Bedürfnis und auch das Recht auf Aufmerksamkeit ihrer Eltern haben.

Müsste sich im Außen etwas verändern, damit ihr euch doch noch für Kinder entscheidet?
Leonie und Olé:
Nein.

Habt ihr noch einen Gedanken, den ihr loswerden möchtet?
Leonie: Was ich immer wieder feststelle – und weiter oben schon erwähnt habe: Es ist völlig okay, zwischendurch Zweifel zu haben. Das bedeutet nicht, dass ich meine Entscheidung ändern möchte. Es zeigt lediglich, dass ich mich mit meinem Leben auseinandersetze und mir Dinge wichtig sind. Ich werde nie wissen, ob ich etwas „verpasse“. Aber mein Leben verpasse ich
nicht.

Olé: Ich finde es schön, dass die Abwesenheit eines Kinderwunsches von Projekten wie diesem positive Aufmerksamkeit zuteil wird, anders als wir es sonst oftmals erleben.